Optometrisches Sehfunktionstraining für Optometristen

Durch wachsende Sehanforderungen in der multimedialen Welt klagen viele Kunden/Patienten über Sehbeschwerden. Neben Fehlsichtigkeiten gibt es vielfälltige visuelle Störungen. Nicht alle lassen sich allein durch eine Korrektion mit Brillengläsern oder Kontaktlinsen korrigieren. Ein optometrisches Sehfunktionstraining kann bei Sehbeschwerden unterstützen oder ist manchmal auch die einzige Möglichkeit, im Besonderen bei visuellen Wahrnehmungsstörungen und Binokularstörungen.

Eine umfassende Untersuchung des Sehens und die entsprechende Versorgung bei Sehstörungen wird in der multimedialen Welt immer wichtiger, im Besonderen bei Kunden/Patienten mit Bildschirmarbeitsplatz oder Kindern.

Was ist ein optometrisches Sehfunktionstraining (OSFT)?

  • Das optometrische Sehfunktionstraining (OSFT), (engl.: optometric vision training/therapy) ist ein individuelles Training statischer und dynamischer Leistungsparameter des visuellen Systems mittels einer Trainingsstrategie durch den Einsatz von monokularen und binokularen Sehübungen auf Grundlage optometrisch erhobener Messdaten.
  • OSFT ist keine Behandlung von Erkrankungen, sondern ein Training zur Verbesserung bzw. Leistungssteigerung visueller Funktionen.
  • OSFT unterstützt, visuelle Fähigkeiten zu entwickeln bzw. zu verbessern, visuellen Komfort und Leistungsfähigkeit zu verbessern und visuelle Informationen besser aufzunehmen, zu verarbeiten und zu interpretieren.
  • OSFT setzt eine Strategie zur Verbesserung der visuellen Störung und ein Management voraus. Dazu gehören eine Trainingsstrategie und geplante Kontrolltermine.
  • Einzelübungen ohne Maßnahmenplan sind kein OSFT, ebenso Sehtrainings, die ohne vorangegangene Erhebung optometrischer Daten eingesetzt werden, z. B. als Entspannungstraining.
  • Beim OSFT geht es nicht um ein Augenmuskeltraining, Entspannungstraining oder um das Wegtrainieren einer Brille (wie nach Bates). Hier geht es vor allem um das Training der visuellen Einzelfunktionen und ihrer Zusammenarbeit.
Brockschnur OSFT
Fusion OSFT

In welchen Fällen kann OSFT eingesetzt werden?

  • Neben den klassischen Sehhilfen wie Brille oder Kontaktlinsen ist OSFT ist eine Art der Versorgung bei Sehstörungen.
    passiv: Bei Binokularstörungen können symptomatisch Prismen eingesetzt werden, um die Lichtablenkung zu verändern.
    aktiv: Mit einem optometrischen Sehfunktionstraining können Funktionsstörungen reduziert bzw. eleminiert werden, indem aktiv die Zusammenarbeit beider Augen trainiert wird, da Sehen ein erlernter Prozess ist.
  • Lese-Rechtschreib-Störungen (LRS) und Aufmerksamkeitsstörungen (ADHS) bei Kindern sind typische Beschwerdebilder, bei denen OSFT eingesetzt werden kann.
  • OSFT geht immer eine optometrische Untersuchung voraus, im Besonderen des Binokularsehens in Ferne und Nähe mit verschiedenen standardisierten monokularen und binokularen Testen bzw. optometrischen Analyseverfahren (i.d.R. Integrative Analyse nach Scheiman & Wick).
  • Aufbauend auf den Ergebnissen einer optometrischen Sehfunktionsanalyse wird OSFT zur Verbesserung der visuellen Leistungsfähigkeit und der ihr zugrunde liegenden Funktionen eingesetzt.
  • OSFT kann auch von Menschen durchgeführt werden, die keine visuelle Störung haben, aber ihre visuelle Leistungsfähigkeit verbessern wollen, z. B. (Leistungs-)Sportler.

Was muss vor einem optometrischen Sehfunktionstraining gemessen werden?

Wenn sich Auffälligkeiten im Binokularsehen ergeben, sollte mit weiteren Testen im Rahmen der Integrativen Analyse nach Scheiman & Wick eine fach-qualifizierte Untersuchung des Binokularsehens erfolgen. Diese beinhaltet die Prüfung in der Ferne und in der Nähe durch Teste zur:

  • Augenbewegungen,
  • Akkommodation und
  • Vergenz.

 

In der Integrativen Analyse nach Scheiman & Wick

1) werden die Messergebnisse mit Normwerten verglichen.

2) werden die Teste gruppiert, so dass Gruppenergebnisse verglichen werden und nicht Einzelergebnisse. Hier sind die Teste so gruppiert, dass sie immer die gleiche Funktion prüfen, z. B. Konvergenz.

3) die Identifikation einer Störung erfolgt basierend auf 1) und 2) mit einer Klassifikation. Damit ergibt sich aus den Ergebnissen ein Befund, z. B. Konvergenzinsuffizienz.

Anhand der Messergebnisse und Klassifikation wird entschieden, ob ein optometrisches Sehfunktionstraining für die jeweilige Störung überhaupt induziert ist. Dies bildet die Grundlage für die Erstellung einer zielorientierten Trainingsstrategie zu einem individuellen optometrischen Sehfunktionstraining.

Um den Erfolg eines OSFT zu kontrollieren, muss die Integrative Analyse nach Abschluss des OSFT nochmals durchgeführt werden.

Akkommodationsflexibilität
Akkommodationsgenauigkeit

In welchen Bereichen kann OSFT eingesetzt werden?

OSFT kann zum Training verschiedener Sehfunktionen eingesetzt werden:

  • Training Augenbewegung/Okulomotorik
    Training von Augenfolgebewegungen und Blicksakkaden
  • Training Vergenz
    Training von fusionaler Konvergenz und Divergenz
  • Training Akkommodation
    Training von Akkommodationsgenauigkeit und -dynamik, sowie wenn altersgemäß möglich, den maximalen Akkommodationserfolg
  • Antisuppressionstraining
    Training bei zentraler Suppression zur Verbesserung der fovealen Sehfunktion
  • Training Fixation und Sehleistung
    Training zur Verbesserung der Fixation und Sehleistung, z. B. bei einseitig reduziertem Visus, Training der Verlagerung der Fixation bei erworbenem Zentralskotom

Anmerkung: Ein OSFT bei kindlicher Amblyopie und/oder Strabismus sollte in Zusammenarbeit mit einem Augenarzt erfolgen.

Wie läuft ein optometrisches Sehtraining ab?

Nach einer ausführlichen optometrischen Untersuchung wird ein individuelles Trainingsprogramm aufgrund der Art der Sehstörung und den Anforderungen der Trainingsperson durch den Optometristen zusammengestellt.

Ca. alle 2 bis 4 Wochen werden in der Optometrie-Praxis die Übungen erklärt. Dann werden sie selbstständig durch den Kunden/Patienten täglich zu Hause durchgeführt. (Bei Kindern je nach Alter mit Unterstützung durch die Eltern).

Die Übungen werden individuell für die Trainingsperson zusammengestellt. Je nach Übung werden verschiedene Hilfsmittel und Trainingsgeräte eingesetzt.

Die tägliche Trainingszeit beträgt ca. 5 bis 15 Minuten, um die Sehfunktionen und deren Zusammenarbeit zu verbessern.

Um das Trainingsniveau entsprechend anzupassen, finden in regelmäßigen Abständen Kontrollen beim Optometristen statt.

Die Trainingsdauer ist individuell unterschiedlich, vor allem aufgrund der Symptome und der Schwere der Sehstörung. Das Training dauert durchschnittlich 3 bis 12 Monate.

Welche Hilfsmittel und Übungsmaterialien werden bei einem OSFT eingesetzt?

Bei OSFT werden spezifische Geräte und Hilfsmittel verwendet:

  • Einstärken-Brillengläser in verschiedenen Stärken
  • speziell geschliffene Brillengläser mit Prismen
  • Farbfolien
  • Augenabdeckungen
  • Übungsvorlagen
  • Elektronische Hilfsmittel
  • Computer Software
  • e.t.c.
Trainingsmaterial OSFT

Was bedeutet eine Trainingsstrategie bei OSFT?

  • Festlegung der Trainingsstrategie und der Art der Sehübungen in Abhängigkeit der visuellen Probleme und Beschwerden des Kunden/Patienten sowie den vorherigen Ergebnissen der monokularen und binokularen Teste bzw. Analyseverfahren
  • regelmäßige Anwendung der Sehübungen und Kontrolle durch den Optometristen
  • ggf. Einsatz einer Trainingsbrille: die Werte können von den Werten der alltäglichen Korrektion abweichen
  • regelmäßige Unterweisungen zu den Sehübungen im Rahmen von Trainingsterminen (in Präsenz oder Online)
  • gezielter Einsatz von Trainingsmaterialien: Brillengläser, Prismen, Filter, Okkluder, spezielle Geräte und Hilfsmittel, zielgerichtete Programme und Apps für digitale Medien
  • selbstständige Durchführung/Übung durch den Kunden/Patienten in der optometrischen Praxis und zu Hause zum Training und zur Festigung
  • regelmäßige Kontrollen, Messung optometrischer Daten und Anpassung der Übungen an den Trainingsfortschritt des Kunden/Patienten
  • nach Training erfolgt ein „Abtrainieren“ zur Festigung der verbesserten Sehfunktionen sowie Integration und Anwendung im Alltag (geringere Frequenz und Wiederholung der Übungen)
  • nach Trainingsabschluss: Abschlussmessung für Erfolgskontrolle durch den Optometristen

Wo kann man OSFT erlernen?

Wir möchten vor allem junge Optometristen für OSFT begeistern, weil es so viele Möglichkeiten bietet, Sehfunktionen zu verbessern.

Es gibt verschiedene Institutionen, die Fort- und Weiterbildungen zum optometrischen Sehtraining anbieten. Zu empfehlen sind mehrtätige Seminare, die sowohl Inhalte zur Untersuchung des Binokularsehens als auch OSFT mit Sehübungen und das Erstellen einer Trainingsstrategie beinhalten. Nicht immer heißt das Seminar auch OSFT. Die Inhalte zur Untersuchung und zum Training sind häufig unter „Binokularsehen“ und „Kinderoptometrie“ zu finden.

Fortbildung: Kinderoptometrie in Theorie und Praxis (Teil 1 und 2)

Fortbildung: Vision Therapy (Teil 3)

Fortbildung: Kinderoptometrie

Fortbildung: OSFT (Funktionaloptometrie)

Fortbildung: Kinderoptometrie

Fortbildung: Binokularsehen

Fortbildung: vision training/therapy

Weiterbildung: Spezialist*in für Binokularsehen (FH)

Fach-Literatur

Wer sich in das Thema „Untersuchung des Binokularsehens und OSFT“ einlesen möchten, hier sind einige Literaturempfehlungen:

Lahme Stefan und Selmeier Petra: Tests und Management nicht nur der Kinderoptometrie

Schroth Volkhardt: Binokulare Korrektion

Friedrich Michaela und Degle Stephan: Funktionsprüfungen des visuellen System (derzeit in Überarbeitung, voraus. im Herbst 2024)

Friedrich Michaela et al.: Interdisziplinäre Optometrie

Unterstützung in der Umsetzung mit OSFT

Hilfsmittel und Trainingsgeräte